[Review] Christopher, Lucy – Ich wünschte, ich könnte dich hassen

Taschenbuch

Erschienen: 2011

Sprache: Deutsch

Originaltitel: Stolen

Seiten: 365

Verlag: Chicken House 

ISBN: 978-3-551-52008-1

Preis: 14,95 €

Altersempfehlung: ab 14 Jahren

 

 

Über die Autorin: 

Lucy Christopher wurde 1981 in Wales geboren und wuchs in Australien auf. Bis zum Hauptstudium lebte sie in Melbourne. Nachdem sie sich als Schauspielerin, Kellnerin und Wanderführerin versucht hatte, zog sie nach England und machte ihren Master in Kreativem Schreiben. Inzwischen unterrichtet sie an der Bath Spa University. „Ich wünschte, ich könnte dich hassen“ ist ihr Debüt. 

 

 

Klapptext: 

Du hast mich zuerst gesehen. Auf dem Flughafen, an jenem Tag im August. Dein intensiver Blick, noch nie hat mich jemand so angeschaut. Ich hab dir vertraut. Dann hast du mich entführt. Raus aus meinem Leben, weg von allem, was ich kannte. Hinein ins Nirgendwo, in Sand und Hitze und Dreck und Gefahr. Du hast geglaubt, dass ich mich in dich verliebe. Und dort im Nirgendwo, in Sand und Hitze und Dreck und Gefahr, hab ich mich in dich verliebt. Doch ich wünschte, ich könnte dich hassen. 

 

 

Meinung: 

„Ich wünschte, ich könnte dich hassen“ ist das Debütwerk der Autorin Lucy Christopher, welches mich überraschenderweise so überzeugen konnte, wie kein anderes Buch in der letzten Zeit. Auf jeden Fall werde ich mir die Autorin und ihre zukünftigen Werke vormerken. 

Mitreißend, fesselnd und schockierend einfühlsam erzählt die Autorin die Geschichte von Gemma und ihrer Entführung. Geschildert wird die Geschichte aus Gemmas Perspektive in der Ich-Form und im Präteritum. Ungewöhnlich daran ist, dass Gemma regelmäßig ihren Entführer Ty anspricht und ihm die ganze Entführung aus ihrer Perspektive erzählt. 

Gedanken und Gefühle strömen beim Lesen förmlich in den Leser, sodass man von Beginn mit Gemma mitfühlt, mitfiebert, zeitweise sogar verstört/verwirrt ist und ebenso gegensätzliche Empfindungen wie Liebe und Hass für Ty entwickelt, der trotzdessen dem Leser nach einer Weile sehr ans Herz wächst.

Durch die ungewöhnliche Erzählform (Ich-Perspektive, Präteritum und letztendlich Briefform) lernt man als Leser schnell mit Gemma hinter die Fassade das angeblich gefühllosen Entführers zu blicken, und das, was man zu sehen bekommt, zeigt, dass der Entführer nicht nur ein 0815-Entführer ist, sondern Ty, der auf seine ganz eigene Art außergewöhnlich ist und glaubt, Gemma mit ihrer Entführer eher geholfen, als geschadet zu haben. 

Ty, der Entführer, ist ein ungewöhnlich intelligenter, verrückter, chaotischer und zugleich selbstständiger und liebenswerter Charakter, der einen unglaublich guten Kontrast zu der hier so ernsten, zeitweise sehr unselbstständigen und verwöhnten 17-jährigen Protagonistin bildet. Eine ideale Ergänzung, die sich wirklich wunderbar mit dem Gesamtkonzept der Story verbindet. 

In dem Buch findet sich für den Leser allerdings auch ein Satz, der Tys Naturverbundenheit und Freiheitsdrang beschreibt, und meiner Ansicht nach, so perfekt Ty beschreibt, dass ich ihn euch einfach nicht vorenthalten möchte. 

„Dich in eine Gefängniszelle zu stecken ist, als würde man einen Vogel mit einem Panzer überfahren.“ (S. 363)

So krass und ausdrucksstark dieser Satz auch ist, er trifft im wahrsten Sinne des Wortes den Nagel auf den Kopf und beschreibt Ty besser, als es 1000 Worte zu tun vermögen. 

Neben Gemma und Ty gibt es in dem gesamten Buch eigentlich keine weiteren Charaktere, außer ein paar nicht nennenswerter Randcharaktere, die allerdings der Handlung willen nicht fehlen dürfen. Der Gesamtfokus der Gesichte sowie der Charaktergestaltung lastet einzig und allein auf Gemma und Ty, auf deren authentische Umsetzung die Autorin besonderen Wert gelegt hat, denn bereits von Anfang an fühlt man sich mit den beiden ausdrucksstarken Charakteren sehr verbunden. 

Während des Lesens von Gemmas Schilderungen habe ich mir allerdings zeitweise auch gewünscht, und dies hoffe ich wird auch irgendwann einmal durch die Autorin umgesetzt werden, dass man als Leser irgendwann einmal die Möglichkeit erhält, die Geschichte aus Tys Perspektive erleben zu dürfen. Ebenso würde mich einfach einmal interessieren, was „danach“ aus den beiden geworden ist, wie sie nach der ganzen Sache ihr Leben gestaltet haben und, ob Gemma und Ty sich jemals wiedersehen werden. 

Bereits während des Lesens, und zeitgleichem Nachgrübeln über die Geschichte, ist mir positiv aufgefallen, dass Gemma trotz ihrer zwiespältigen Gefühle für Ty versucht, „gelassen und objektiv“ an die Sache heranzugehen – sofern dies für ein Entführungsopfer möglich ist. Sie beschönigt auch die Entführung, ihre gemeinsame Zeit mit Ty und ihre Erlebnisse vor/nach der Entführung nicht. Die Autorin schreckt auch nicht zurück, durch Gemma zu vermitteln, dass es im Nachhinein noch Situationen gibt, in denen Gemma Ty einfach nicht verzeihen kann und ihn hasst. Doch trotz seiner unglaublichen Handlung, die sie aus ihrem bisherigen Leben gerissen hat, ist sie ihm nicht nur für die gemeinsame Zeit, sondern auch für ihre Lebenserfahrungen in der Wüste Australiens „dankbar“, denn sie hätte niemals in London die Schönheit der Natur – insbesondere der australischen – kennengelernt, wenn er nicht das getan hätte, was er nun einmal getan hat – so unglaublich es auch klingen mag und man zeitweise dazu neigt (wenn auch nicht 100 %ig), zu glauben, dass Gemma an einer Art Stockholm-Syndrom leidet, um das Geschehene besser verarbeiten zu können.

Das Einzige, was mich gestört hat, ist, dass manchmal in der Erzählung selbst „kleine Sprünge“ waren und man als Leser zeitweise das Gefühl hatte, etwas zu übersehen oder zu verpassen. Allerdings weiß ich nicht, ob sich dies ebenso in der originalsprachlichen Erzählung wiederfindet oder ein „Übersetzungsmanko“ ist. 

Trotz dieses kleinen Mankos überzeugt die Autorin mit ihrem Debüt in Umsetzung, Charaktergestaltung und Kreativität. Ein Debüt, was man auf jeden Fall gelesen haben sollte. 

 

 

Bewertung: 

Ich fasse mich an dieser Stelle kurz und sage nur: LESEN!!!

 

Von der Autorin gibt es in originalsprachlicher Ausgabe bereits ein weiteres Werk mit dem Titel „Flyaway“, was nichts mit „Stolen“ (dt. Ausgabe: Ich wünschte, ich könnte dich hassen) gemein hat und die Geschichte der 13-jährigen Isla erzählt. „Flyaway“ wird übrigens im September 2011 beim Carlsen Verlag unter dem Titel „Isla Schwanenmädchen“ erscheinen.

 

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